Die Museumslandschaft im Schwarzwald

Rede Martin Sauter zur Eröffnung des Auto-und Uhrenmuseums am 26.03.2010

[..] Die Anfänge zu diesem Museum könnten etwas romantisiert so lauten:
„Es war einmal ein junger Mann, der in die Fremde zog um dort sein Glück zu machen“.

Dieser junge Mann hieß Paul Landenberger aus Ebingen, ein Vetter meines Urgroßvaters. Er machte sein Glück in dieser Stadt, wurde erfolgreicher Uhrenfabrikant und baute 1904 dieses Gebäude, in dem wir uns jetzt befinden.

Es vergehen genau 100 Jahre und der nie ganz abgerissene verwandtschaftliche Draht zur alten Heimat führt zunächst zu einer Vision, die bald kräftig wachsen sollte.

Die Schramberger nehmen mich, den Fremden aus Ebingen, heute Albstadt, wohlwollend auf und es formt sich ein städtisches Gemeinschaftswerk hier in diesem historischen Gebäude miteinander ein Museum einzurichten.

Gerne möchte ich Sie nun einladen zu einem kurzen Rundgang durch den Teilbereich Automuseum.

Fahren wir also hinauf ins 3. Obergeschoß.

Als erstes sehen wir kein Auto oder ein Motorrad, sondern eine Vertriebenenszene von 1945.

Schlimm sah es aus im kriegszerstörten Deutschland, ich beschränke mich auf die Stichworte Flüchtlingselend, Trümmerfrauen, Hamsterfahrten, Schwarzmarktgeschäfte.

Kleines Beispiel: Eine Schwarzwälder Uhr war 1947 beileibe nicht für Geld zu haben, ihr tatsächlicher Preis waren 1000 Ami-Zigaretten.

Nach dem Morgenthau-Plan der Siegermächste sollten wir ein Agrarland werden mit äußerst bescheidenen Ansprüchen:
Beispielsweise alle 12 Jahre auf ein Paar neue Schuhe und nur alle 50 Jahre würde uns ein neuer Anzug zustehen.

Die Motorisierung der Deutschen sollte sich beschränken auf einen einzigen PKW, den VW Käfer und einen einzigen Lastwagentyp von Ford. Bei Motorrädern wollte man uns nur die allerkleinste Klasse mit 60 ccm zugestehen

Doch wir hatten Glück im Unglück. Mit dem Kalten Krieg drehte sich der weltpolitische Wind, nun machten die Amerikaner Front
gegen den Kommunismus. Dies bescherte uns Europäer den segensreichen Marshall-Plan von 1947 mit einem Volumen von 14 Mrd Dollar.

Wir Deutsche in den 3 Westzonen bekamen gar nicht soviel davon ab, nur knappe 10 %. Das Geld sei es auch gar nicht gewesen sagen die Historiker. Doch von nun an durften wir uns wieder selbst auf die Beine helfen.

Hinzu kamen zwei Dinge:

Die Währungsreform mit der Einführung der DM am Sonntag den 20. Juni 1948 und das eigenmächtige Husarenstück von Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard mit der Aufhebung der staatlichen Preisbindung zum gleichen Zeitpunkt.

Der amerikanische Militärgourverneur Lucius Clay war wütend. Er ließ Erhard sofort am folgenden Montag kommen um ihn mit den Worten anzufahren: „Alle meine Berater sind gegen Ihr Vorgehen.“
Unerschrocken entgegnete der Gescholtene: „Meine Berater auch.“


Dies – meine Damen und Herren -war die Geburtsstunde unserer heutigen freien und sozialen Marktwirtschaft.


Erlauben sie mir an dieser Stelle eine kleine Anektode aus den Tagen vor der Währungsreform.

Man wußte, daß sie kommt, man wußte nur nicht wann.

Als eines Tages Hamburger Hafenarbeiter von schwer bewachten Kisten aus Amerika berichteten, ging eine Lauffeuer durch die Stadt: Das neue Geld ist da.

Sogleich eilten 60 000 Hamburger Frauen schnell noch in die Friseurläden, um sich Dauerwellen zum alten bald wertlosen Geld der Reichsmark machen zu lassen.

Nun wird es auch bei unserem Rundgang im Museum freundlicher, denn ab 1950 kommt zuerst die Zweiradindustrie wieder mächtig in Gang. Vorreiter ist das Motorrad. Es knüpft an die Vorkriegstradition an, immerhin hatte Deutschland in den
1930er Jahren die meisten Motorradfahrer der Welt.

Etwa zeitgleich tritt das Fahrrad, nachgerüstet mit einem kleinen Benzin-Hilfsmotor auf den Plan.

Doch auch zwei ganz neue Zweiradtypen entstehen in dieser Zeit. Moped und Motorroller.

Das Moped stammt in gerader Linie vom Fahrrad mit Hilfsmotor ab und entwickelt sich ab 1952 zum absoluten Hit. Vater Staat hielt sich ausnahmsweise einmal in Sachen Bürokratie zurück und ließ seine Besitzer ohne Führerschein herumfahren.

Beim Motorroller waren die Italiener Pioniere. Arbeitslose Flugzeugkonstrukteure entwickelten die Vespa. Das ließ unsere heimischen Konstrukteure nicht ruhen und schon um 1955 konnte der geneigte Kunde zwischen 30 Fabrikaten wählen.


Steigen wir ein Stockwerk hinunter.


Jetzt sind wir schon mitten drin in den 1950er Jahren und machen Bekanntschaft mit den Nachkriegskleinwagen wie beispielsweise der BMW Isetta und dem Messerschmitt Kabinenroller und vielen anderen Knatter-und Ratterkisten. Nicht alle haben 4 Räder, 3 tun es auch und die sparsamsten haben nicht mal einen Anlasser oder einen Rückwärtsgang.


Doch wozu auch, ihre Zielsetzung war einfach: Ein Dach über dem Kopf und halber Preis zum VW – Käfer.


Dieser war damals keineswegs billig, 3700 Stunden mußte man für ihn arbeiten.


Kleine Anmerkung am Rande: Für diese 3700 Arbeits-Stunden würden Sie heute einen Porsche mit 320 PS bekommen.


Doch mit den Kleinwagen kommt es zur ersten Verdrängungswelle. Wer sich ein Auto kaufen konnte, und sei es noch so bescheiden, fährt nicht mehr Motorrad. Die einstmals 40 Motorradfirmen verschwanden alle, mit Ausnahme von BMW, vom Markt.

Doch dieser Blick täuscht. Deutschland hatte in den 50er Jahren gewaltig Dampf drauf, die Industrieproduktion verdreifachte sich in diesem Jahrzehnt, und das private Einkommen verdoppelte sich nahezu.

Hauptverursacher war zwar ohne Frage der gewaltige Nachholbedarf nach dem Kriege, doch umgesetzt mit der Hände Fleiß wurde dies in beachtlichem Umfang durch den Bevölkerungszuwachs von 14 Millionen Flüchtlingen.

Interessant wie sich eine anfängliche Belastung ins Positive verkehrt.

So ging es ein paar Jahre, doch dann schlich sich auf leisen Sohlen die zweite Verdrängungswelle heran.

Die großen Autokonzerne hatten wieder Tritt gefasst und machten den Kleinwagen-Herstellern das Leben schwer. Hauptgegner war der VW – Käfer, dessen Preis um satte 1000 Mark gesenkt wurde.

Es kam wie es kommen mußte, die Kleinwagen wurden überrollt und verschwanden sang und klang los in der Versenkung.

Das hatten sie nicht verdient, denn sie waren fantasiereiche Schrittmacher in eine bessere Zeit. Und so begann ich vor nunmehr ziemlich genau 40 Jahren Kleinwagen zu sammeln. Der frühe Beginn war mein Glück, nur so war es möglich absolute Raritäten aufzuspüren, die sonst in keinem Museum zu finden sind.

Verlassen wir nun für ein kleines Weilchen die motorisierte Welt und machen im Nebenraum bei Tante Emma einen Einkauf.

Also nein – auf engstem Raum ein unübersehbaren Angebot. Vom neckischen Strumpfband bis hin zu Lebensmittel ist alles da.

Ihre technische Ausrüstung ist nahe null. Auf die gerade neu erworbene Ladenkasse mit der Kurbel dran und der Klingel wenn die Schublade aufspringt ist sie mächtig stolz. Mehr braucht sie auch nicht.

Wir dürfen ins Bonbonglas greifen, 10 Pfennig von unserem Sonntagsgeld sind dahin.

Ein Schwenk nach rechts und wir schauen in eine Wohnstube.

Für heutige Augen drängt sich auf sehr engem Raum alles, Sessel, Nierentisch, Tütenlampen und Blumenständer. Sogar ein richtiger Fernseher ist da. Er hatte schon anno 54 die Fußballweltmeisterschaft in Bern übertragen.

Zugegeben -die Stube ist nicht unflott, die Altvorderen hatten Geschmack und gemütlich ist sie auch.

Überhaupt die 50er Jahre.

Sie sind so etwas wie eine Wasserscheide.

Auf der einen Seite sind sie die letzten Ausläufer einer jahrhundert alten Lebensweise. Vielfach leben Großmutter Mutter und Kind in der Großfamilie noch dicht gedrängt unter einem Dach. Stopfen und Flicken standen hoch im Kurs. Einfach wegwerfen kam nicht in Frage. Die alte Traditionen sind noch sehr lebendig und bestimmen vielfach recht prägend unser Alltagsleben.

Auf der anderen Seite ist diese Zeit Ausgangspunkt von unglaublich vielen Neuerungen und Umbrüchen.

Erlauben sie mir in gebotener Kürze ein paar Kostproben aus dem Verkehrswesens im Zeitraum von 1950 bis 1960
vorzutragen:

1952 begegnen wir zum ersten Mal dem Auto -TÜV.

Parkuhren, vornehm Parkograph genannt, werden ab 1954 aufgestellt, 10 Pfennig die Stunde.

Ein wichtiges Datum ist der 1. Juli 1956: Unsere jetzige Kfz-Kennzeichnung auf dem Nummernschild wird eingeführt.


Um Tempo 50 in geschlossenen Ortschaften bemühen wir uns seit 1957, außerhalb dürfen wir fahren so schnell wie wir wollen.


Und schließlich – die Radarfalle gibt es seit 1958.


Hierzu noch eine kurze Abschweifung:


In Freiburg wird ein Weihnachtsmann mit Pferd und Schlitten mit 64 Stundenkilometer erwischt. Ja wie das denn?


Ganz einfach: Die ersten Kameras waren nicht ganz so schnell wie der Radarstrahl, so konnte sich ein Auto hinter dem
Schlitten verstecken.


Doch nun zurück ins Museum. Wir sind im letzten Stockwerk angekommen.

Da stehen sie, die Autos, die Vater oder Großvater fuhr. Ich nenne stellvertretend nur die wichtigsten verschwundenen Marken wie Borgward, NSU und DKW.

In jenen Gründer -Jahren floßen enorme technische Strömungen erfolgreich zusammen:

Von den Amerikanern lernten wir das bequeme Autofahren mit Servolenkung, Bremskraftverstärker und automatischem Getriebe.

Wir Deutsche brachten unter vielem anderem die Benzineinspritzung, die Sicherheitsfahrgastzelle und dann die Scheibenbremse ein. Und so entstanden mit deutscher Gründlichkeit und – auch das darf man anmerken, mit der großen Kriegserfahrung – in diesem Jahrzehnt von 1950 bis 1960 ohne Übertreibung die zuverlässigsten und auch sportlichsten Autos der Welt.

Hier im Museum stehen sie, die Pioniere, ohne sie wäre unsere heutige Fahrkultur überhaupt nicht denkbar.

Sie sind Zeugen des ungeheuren technischen Sprungs, den wir seit Gründung unserer Bundesrepublik Deutschland nach vorn gemacht haben.

Somit darf und soll unser Museum auch Geschichtsbuch für die junge Generation sein. Sie sollen die Wurzeln erleben, aus denen wir gewachsen sind.

Hüten wir dieses Erbe gut.

Großen und herzlichen Dank an alle, die zum Gelingen dieses Werkes beigetragen haben. Erlauben sie mir aus Zeitgründen, daß ich mich den Worten von Herrn Oberbürgermeister Dr. Zinell anschließe.

Nun wünsche ich diesem Museum

daß es rundum Freude macht

daß es aber auch ein Fingerzeig dafür ist, daß unser heutiger Wohlstand keineswegs vom Himmel fiel, sondern von einem sehr bescheidenen Ausgangspunkt aus hart erarbeitet werden mußte.

und zum guten Ende, daß es sich für die Stadt Schramberg zusammen mit der großartigen Auto -Sammlung Steim und dem Dieselmuseum zum touristischer Magneten entwickelt, mit einer weiten Ausstrahlung hinaus in die Region.

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