Die Museumslandschaft im Schwarzwald

Der Lack ist noch lange nicht ab!

“Bewegende Geschichte mitzuerleben”


Stuttgarter Zeitung, vom 15.08.2011 17:02 Uhr

Michael Petersen

Schramberg - Karl-Heinz Thomann legt die Hand auf einen Motorroller der Marke Franke, von der selbst Experten kaum noch wissen. "Bei einer Restaurierung wird das Ding komplett auseinander genommen", beginnt er die Aufzählung der Arbeitsgänge, "dann wird alles sandgestrahlt und entlackt". Angesichts eines meist arg dürftigen Zustands seien Schweißarbeiten notwendig, manche Blechteile würden von Hand nachgefertigt.

Dann zerlegt Thomann den Motor, säubert ihn, setzt neue Dichtungen ein und neue Lager. Nach dem Aufbau ist die Grundlackierung dran. "Übrigens, die Endlackierung mache ich nicht selbst", lässt Thomann wissen. Ein halbes Jahr vergeht da schnell. "Aber nebenher mache ich schon noch andere Sachen", sagt der Mechanikermeister, der vor vier Jahrzehnten begonnen hat, heruntergekommene Fahrzeuge in einen glänzenden Zustand zu versetzen.

Die Schmuckstücke gehören alle Martin Sauter. Enthusiasten wie ihm ist es zu verdanken, dass rollende Zeugen der Wirtschaftswunderjahre überhaupt noch betrachtet werden können. So wie jetzt in der Auto- und Uhrenwelt Schramberg. Der Geschäftsführer des Balinger Waagen-Unternehmens Kern & Sohn sammelt ganz systematisch deutsche Kleinwagen der Baujahre 1945 bis 1959, dazu Motorräder und Motorroller, Fahrräder mit Hilfsmotor und - mitunter kritisiert - sogar motorisierte Rollstühle für Kriegsversehrte.

Beim Chef steht ein Tiger vor der Tür"

Um 1970 herum, in einer Zeit, als auch ein Ferrari oder Porsche billig zu haben waren, scherten sich die Menschen kaum um Kleinwagen. Martin Sauter schon. Heute bestünde überhaupt keine Chance mehr, so eine Kollektion aufzubauen. "Weit mehr als 200 Fahrzeuge kamen zusammen", fasst Sauter zusammen.

Ein Sammler ist nie ganz am Ziel, doch der Überblick über den Fahrzeugbestand der Nachkriegsjahre weist kaum noch Lücken auf. "Mir sind die kompletten Modellreihen wichtig", sagt der Schwabe. Alles da: Champion, Fuldamobil, Lloyd, Goggomobil, NSU. . . Von dem Flugzeugbauer Messerschmitt kann er ein rotes Fahrzeug für Kriegsversehrte von 1947 präsentieren, dann den Fend Flitzer sowie die Kabinenrollerreihe FK 175, KR 200, KR 201, TG 500 und TG 500 Sport.

"Beim Chef steht ein Tiger vor der Tür" - der heute 70-Jährige Karl-Heinz Thomann erinnert sich noch gut an die Neuigkeit, die damals, vor ungefähr 40 Jahren, in der Firma die Runde machte. Mit dem Tiger ist der Kabinenroller Tiger TG 500 gemeint, aus den Jahren 1957 bis 1961. Der Kabinenroller mit zwei statt einem Rad an der Hinterachse.

Deatilverliebte Schrauber

Thomann schaute sich den heute extrem hoch gehandelten Flitzer - mit 19,5 PS war er 130 km/h schnell - genau an. Und erklärte dann seinem Chef: "An dem kann man noch viel machen". Martin Sauter ließ Thomann freie Hand, der viele Samstage für die Restaurierung opferte. Das Ergebnis überzeugte den jungen Unternehmer. Jetzt kann Karl-Heinz Thomann beim Rundgang durch die drei Museumsstockwerke in Schramberg stolz verkünden: "Ich habe schon jedes Fahrzeug hier in der Hand gehabt".

"Alle Fahrzeuge sind sofort einsatzfähig, man muss nur Öl und Benzin einfüllen", sagt Franz Thiel, ein Mitstreiter Thomanns. Thiels Motto: "Ich kann alles machen, außer Geld". Und wenn bei einem alten Auto-Radio viele Teile für alle Zeiten verloren sind, dann stellt er sie eben her. "Manchmal wird es halt elf in der Nacht", erzählt er dennoch fröhlich.

Martin Sauter kennt er von Kirchenkonzerten. Der eine spielt Querflöte, der andere Trompete. Sauter zu Thiel: "Du bist der einzige Trompeter, der schrauben kann". Seit zwei Jahren arbeiten der 65-jährige Thiel und Thomann gemeinsam an der Zukunft der Raritäten aus der Vergangenheit.

Die Öffentlichkeit hat von Martin Sauters zielstrebiger Arbeit lange nichts mitbekommen. Er wollte seine Kollektion erst zeigen, wenn es wirklich etwas zu sehen gibt. 1997 hielt er den Zeitpunkt für gekommen. Im Automuseum in Engstingen auf der Alb stellte Sauter 60 Exponate von Automobilpionieren aus Baden-Württemberg in den Mittelpunkt.

2009 erfolgte der Umzug in die neu geschaffene Auto- und Uhrenwelt Schramberg. "Das Alltagsleben ist mir wichtig". Sauter geht es heute nicht mehr nur um die Mobilität von damals. Deshalb finden sich in seiner Ausstellung auch andere Lebensbereiche der Aufbau-, Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre.

"Unsere Tante Emma hieß Trudel", sagt der Sammler lächelnd vor einem nachgestellten Ladengeschäft, dessen Inhalt jeder Besucher mit der so oft zitierten Emma in Verbindung bringt. Ein Wohnzimmer samt zeitgenössischer Tapete ist passend möbliert. "Den Nierentisch hatte zwar keiner, aber populär wurde der trotzdem", ist Sauter überzeugt.

Nach einer Viertelstunde ist der Wagen einsatzbereit


Nachgestellt, aber nicht nachgemacht: Ein Friseurmeister namens Albert Herrmann hat seinen kompletten Salon dem Museum vermacht. "Rasiren & Haareschneiden" - selbst das Reklameschild mit dieser Schreibweise fehlt nicht. "Soll ich mal einschalten?" meint Karl-Heinz Thomann vergnügt und hält einen schweren Haarschneider an den Haaransatz seines Kollegen Thiel. Mit Hilfe von menschengroßen Puppen ist an anderer Stelle eine Szene aus den Zeiten des Krieges nachgebildet worden: Trümmerfrauen kochen zwischen Mauersteinen, Ziegeln und Schutt.

Wiederum ganz in der Nähe steht ein Opel Olympia. Da ist Karl-Heinz Thomann ganz in seinem Element. "Den habe ich auf Holzgas umgebaut, riechen Sie mal". Er nimmt ein Buchenholz-Stückchen in der Hand, wie es für diesen Antrieb verwandt wurde. Es riecht herrlich nach Speck, wie aus der Räucherkammer.

Eine Viertelstunde braucht es, bis so ein Wagen einsatzbereit ist. Ob die Gaszusammensetzung stimmt, lässt sich mit einem brennenden Stück Zeitungspapier an einem Rohrausgang vor der Fahrertüre feststellen. "Gibt es eine Stichflamme, dann passt es", weiß Thomann. Zwei Drittel der Leistung des Benzinmotors sind mit Holzgas zu schaffen. Für extreme Steigungen kann der Wagen auf Benzin umgestellt werden. Ein Fünf-Liter-Tank ist an Bord.

"Einer musste es doch machen"


Als es noch kein Internet mit ebay und mobile.de gab, durchforstete Martin Sauter so manches Archiv, um seinen Gefährten auf die Spur zu kommen. Bei der Suche nach einem überlebenden Exemplar war ihm häufig das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg behilflich. "Das Ding hätte ich in Bayern sonst nie gefunden", sagt Sauter und deutet auf einen Messerschmitt Kabinenroller im Originalzustand. Der wohl älteste noch existierende Kabinenroller gehörte einem schwerbehinderten Mann, den der TÜV nach 1970 nicht mehr damit fahren lassen wollte.

Den längst vergessenen Rollerhersteller Walter Franke machte Sauter vor Jahrzehnten persönlich ausfindig. Mit viel Blech kreierte er einen gewaltigen Roller, den er "Autoroller" taufte. Weil kein gängiger Sattel darauf passte, erfand Franke nebenbei die Sitzbank fürs Zweirad. "Die Bedeutung hat er aber nicht erkannt und das Teil auch nicht patentieren lassen", berichtet Sauter.

So einen Roller hatte selbst Franke nicht mehr. Aber er kannte die Adresse eines Landgutes bei Hamburg. Dort verrotteten die womöglich beiden letzten Exemplare dieses ungewöhnlichen Rollertyps. Die Moorleichen konnte Sauter erwerben, beide stehen in Schramberg nebeneinander: Ein Exemplar wurde im Zustand belassen, das andere wurde perfekt restauriert.

"Meine Sammlung endet in einer Zeit, in der alles auf die großen Hersteller zulief", sagt Martin Sauter. Von knapp zwei Dutzend Automobil- und Motorradherstellern im Land überlebten lediglich zwei: Mercedes-Benz und Porsche. Auf die Frage, warum er sich mit so viel Engagement um die Erhaltung dieser Episode der Technikgeschichte kümmert, antwortet Martin Sauter freundlich und bescheiden: "Einer musste es doch machen".

Die Uhren- und Autowelt: Das Museum teilt sich auf in drei Bereiche. Unter dem Stichwort Erfinderzeiten werden über drei Stockwerke hinweg Kleinwagen, Motorräder und Fahrräder der Nachkriegsjahre gezeigt. Im Dachgeschoss des Industriegebäudes hat das Uhrenmuseum Platz gefunden. Auf dem Gelände befindet sich ebenfalls die Autosammlung Steim und das Dieselmuseum.

Uhrenmuseum: Vorgestellt wird eine Zeitreise durch die 200-Jährige Geschichte der Uhr im Schwarzwald. Ein Maschinensaal mit Förderbändern, ein Lager und ein Entwicklungslabor dokumentieren den industriellen Produktionsfortschritt. In historischen Ladenpassagen wird die Entwicklung der Uhr dargestellt. Den Umbruch vom mechanischen Zeitmesser zur Quarzuhr spiegelt die Junghans-Sportzeitmessung auf der Olympiade 1972 wider. Viele Raritäten sind zu sehen, darunter ein Junghans-Wecker aus dem Jahr 1935, der Schlummernde mit immer greller werdendem Geschepper aus ihren Träumen reißt.

Autosammlung: Steim Mehr als 100 Raritäten stehen in dem neu errichteten Gebäude, darunter hochwertige Exemplare von Herstellern wie Ferrari, Maybach, Porsche, BMW Cadillac oder auch Magirus. Der Unternehmer Hans-Jochem Steim aus Schramberg im Schwarzwald ist Gründer und Namensgeber der Autosammlung.

Dieselmuseum: Die Schau ist in einem Jugendstilbau untergebracht. Er wurde 1904 von dem Industriearchitekten Philipp Jakob Manz als Umspannstation für die "Hamburger-Amerikanische Uhrenfabrik", kurz H.A.U. erstellt. Besonders eindrucksvoll ist ein Dieselmotor mit 340 Liter Hubraum (!) aus dem Jahr 1911.

 Quellenangabe: "Der Lack ist noch lange nicht ab!", Stutgarter Zeitung, 15.08.2011 http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.auto-und-uhrenwelt-schramberg-der-lack-ist-noch-lange-nicht-ab.6eb124cb-0f18-445d-aaed-54e4fc18a08b.html

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